Die 3 Grundpfeiler von Schmerz

In diesem Beitrag geht es nicht um den körperlichen Schmerz. Auch wenn der nach meiner Erfahrung in sehr vielen Fällen eine Manifestierung von nicht beachteten, behandelten und dadurch geheiltem seelischen Schmerz ist. Aber das ist ein anderes Thema, das wir evtl. in einem anderen Blog-Artikel näher anschauen werden. Hier und heute soll es um den seelischen Schmerz gehen.
Ich habe in meinem bisherigen Leben sehr viel Schönes erlebt, aber auch schon sehr viel Schmerz erfahren, sowohl körperlich als auch seelisch. Und so gab mir das Leben ausreichend Gelegenheit zu lernen und für mich ein gewisses Muster oder so etwas wie bestimmte Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Eine Art Orientierung, wo ich etwas genauer hinschauen darf, wenn der seelische Schmerz mich mal wieder „am Wickel“ hat. Diese möchte ich hier gerne mit Euch teilen.

Nach meiner Erfahrung gibt es so etwas wie 3 Grundpfeiler von Schmerz.
Diese sind:
1. Ein negatives Selbstbild (erlernt aus unseren Familienstrukturen und den dortigen Glaubensmustern, Erziehung im Elternhaus aber auch später in Kindergarten und Schule sowie gesellschaftlich vorgegebene „Normen“, für die wir uns versuchen „passend“ zu machen, an der Aufgabe wir aber am Ende scheitern müssen)

2. Erwartungen (an uns selbst und andere)

3. Das Vergleichen mit anderen (Menschen, Umständen, Situationen)

Ich möchte hier gerne die einzelnen Punkte ein bisschen näher anschauen und erläutern, um die Zusammenhänge etwas klarer zu machen. Beginnen wir also mit Punkt 1:

Ein negatives Selbstbild:
Wie kommt es überhaupt dazu?
Wenn wir als Baby das Licht der Welt erblicken, sind wir noch frei von Vorstellungen darüber, wer wir sind, zu sein haben, mal „werden“ wollen oder sollen (was ja in seiner Grundbotschaft schon vermittelt, dass wir im Moment noch „nichts“ sind) Wir sind vollkommen bei uns, machen uns keinen Kopf über „angemessenes Verhalten“ oder sonstige kollektive gesellschaftliche „Ideen“. Wir teilen uns unserer Umgebung hauptsächlich über 2 Emotionen mit, und zwar UNMITTELBAR: durch Lachen oder Weinen. Wenn wir uns freuen, was Neues entdeckt haben, jemanden sehen, den wir erkennen und mögen oder unsere grundlegenden Bedürfnisse erfüllt sind, dann lachen wir. Haben wir dagegen Hunger, Durst, eine volle Hose oder das Bedürfnis nach Nähe und Zuwendung, dann weinen wir. Und zwar genau so lange, bis man unsere Bedürfnisse gestillt hat und dann lachen wir wieder. Solange wir Baby sind, wird dieses Verhalten auch toleriert und grundsätzlich akzeptiert. Der Zeitraum, wie lange das so bleibt, fängt dann aber schon ganz individuell an, sich zu verändern, und zwar an den Erwartungen unserer Gesellschaft, unseres Umfeldes und dem von sogenannten Experten. Und so geht es doch relativ schnell, bis wir erfahren müssen, dass wir zum Beispiel „jetzt doch dann mal sauber sein müssten“ oder „alt genug sind“, um auch andere Nahrung als Muttermilch oder Brei zu uns zu nehmen. Oder wann es Zeit ist, dass wir sitzen, krabbeln, stehen oder laufen „müssten“ um „der Norm“ gerecht zu werden. Und da wir ja unsere Eltern und unser Umfeld glücklich machen möchten, geben wir alles, um diesen Ansprüchen gerecht zu werden. Immer mit dem Ziel dem Schmerz der Ablehnung zu entkommen. Dann kommen wir in den Kindergarten und das Spiel geht mit verschärften Regeln und mit zusätzlichen Mitspielern mit ihren Ansprüchen weiter. Wir beginnen also mehr und mehr unser von Geburt an gegebenes Selbstverständnis zu Gunsten der Erfüllung von Erwartungen anderer in den Hintergrund zu drängen und teilweise sogar irgendwann ganz aufzugeben. Es gibt 2 Phasen, in denen wir nochmal versuchen aufzubegehren. Ein Versuch um uns unsere Individualität zu erhalten bzw. zurück zu erobern. das ist einmal die sogenannte Trotzphase und später dann die Pubertät. Aber auch dafür gibt es jede Menge „Konzepte“, wie man dann mit „solchen widerspenstigen Fällen“ umgehen kann/soll/muss. So gut wie keines dieser Konzepte beinhaltet die nähere Betrachtung der Individualität des einzelnen, um diese dann evtl. entsprechend zu fördern. Durch diese Faktoren lernen wir immer mehr uns ein Bild über uns selbst zu machen, das in den allermeisten Fällen wenig bis nichts mehr mit uns und unserem wahren Wert als Mensch zu tun hat. Denn diese Idee, dass wir „nichts“ sind und erst durch Erziehung und Anpassung zu „etwas“ werden müssten, ist nicht die Wahrheit. Wir alle sind schon wunderbar und einzigartig, wenn wir auf diese schöne Erde kommen. Wir haben es nur vergessen. Und damit kommen wir zu Punkt 2, den

Erwartungen:
Da wir ja relativ früh und schnell in unserem Leben mit den Erwartungen unseres Umfeldes konfrontiert werden und wir außerdem auch noch Belohnung in Form von Anerkennung und Zuwendung immer dann erhalten, wenn wir bestmöglich diesen Erwartungen entsprechen, lernen wir ganz schnell und wie nebenbei dieses Prinzip kennen. Und wir sind fleißige Schüler, weil wir ebenso schnell für uns rausfinden, dass sich Anerkennung doch deutlich besser anfühlt als Ablehnung. Wir fangen also selbst auch irgendwann an, die Menschen um uns herum am Anfang zuerst mal durch die „Erwartungsbrille“ der nächsten Menschen um uns herum zu betrachten. Und mit der Zeit kommen dann unsere eigenen Erwartungs-Ideen mehr und mehr dazu und wir beginnen aus diesem Gemisch die Welt um uns herum für uns „einzufärben“. In unser persönliches „Gut und Böse“, „Richtig und Falsch“, „Schwarz oder Weiß“. Wir versuchen dadurch ein möglichst einfaches Konzept für das komplexeste Thema überhaupt auszubilden, nämlich das Leben selbst. Denn so haben wir es gelernt und so macht es ja jeder. Also was soll daran falsch sein? Auf der Suche nach diesem einfachen Konzept bilden wir unser eigenes Belohnungssystem in Sachen Anerkennung und Zuwendung entsprechend den gelernten Vorbildern aus, passen es auf unsere eigenen Bedürfnisse an und „verteilen“ unsere persönliche Gunst dementsprechend in unserem Umfeld. Womit wir zu Punkt 3 kommen, dem

Vergleichen:
Da wir in diesem Konzept mehr und mehr gelernt haben, den Blick von uns selbst und unseren eigenen Bedürfnissen weg zu nehmen und stattdessen auf unser Umfeld zu richten, kommen wir gar nicht umhin, anzufangen uns mit anderen zu vergleichen. Auch das lernen wir ja von Anfang an unterschwellig mit. „Mein Kevin läuft schon seit 3 Tagen? Hast Du mal schauen lassen ob mit Deiner Marie alles in Ordnung ist? Sie ist schließlich zwei Wochen älter als Kevin…“ – Dass Marie vielleicht einfach noch keine Lust hat zu laufen, weil sie die Fliesen auf dem Küchenboden so toll findet und ihnen noch eine Weile näher sein möchte, ist in dieser „Schablone“ nicht vorgesehen. – „Oh ja, das kenn ich, das ist mit Sicherheit Neurodermitis! Das hatte meine Lisa in dem Alter auch“ – „Findest Du nicht, dass Ben viel zu unruhig ist? Ich würde mal schauen lassen, nicht dass er ADHS hat…“ – „Was, ihr geht in den städtischen Kindergarten? Also für unsere Kinder kommt nur der katholische Kindergarten in Frage!“ Diese Liste könnte ich noch beliebig lange fortführen, ich glaube jeder kennt das und weiß wovon ich rede. Es braucht schon sehr starke Eltern, um diesem Druck standzuhalten. Denn aus den Untertönen lernen sowohl die Eltern als auch die Kinder, was die jeweilige Erwartung dahinter eigentlich ist. Und je nachdem wo wir gerne „dazu gehören“ möchten, fühlen wir uns bestätigt oder schlecht. Und ein weiterer leidvoller Nebeneffekt aus dieser Betrachtungsweise ist: wir selbst kommen in diesen Vergleichen sehr oft deutlich schlechter weg als die mit denen wir uns da vergleichen. Oder mit denen wir in einen Vergleich gedrängt werden.

Das Problem bei allen 3 Punkten ist immer, dass unser Bild von uns selbst inzwischen so verzerrt ist, dass wir jede Handlung oder Nichthandlung, jede Meinung oder Äußerung eines anderen immer sofort und ganz automatisch auf uns beziehen. Es unbewusst mit dem Selbstbild, das wir von uns haben vergleichen und wenn dieser Abgleich dann an irgendeinem Punkt nicht unseren Erwartungen betrifft, dann beginnt in uns der Schmerz. Und der Kreislauf dieser drei Grundpfeiler beginnt in uns von vorne…

Niemand ist aber auf der Welt um die Erwartungen eines anderen zu erfüllen. Dabei ist auch ganz egal, ob es sich um unsere Eltern, Familie, unsere Kinder, Partner oder Freunde handelt. Ebenso ist niemand absichtlich unachtsam gegenüber einem anderem oder handelt in der Absicht, den anderen zu verletzen. Aber was wir alle gelernt haben ist eine maximale Unbewusstheit im Umgang mit uns selbst. Mit der Wahrnehmung unserer Gefühle. Ein fehlendes Bewusstsein dafür was uns guttut und was nicht. Das ist uns im fließenden Austausch gegen die Unterdrückung unserer Individualität anerzogen worden. Daraus folgt ein fehlendes Bewusstsein dafür, was wirklich „unsers“ ist und was nicht. Was WIRKLICH unser Herz zum singen bringt. Unterscheiden zu können was wir nur tun, weil wir es wirklich möchten oder aber um jemand anderem einen Gefallen zu tun. Ihn bei Laune zu halten oder nicht dessen Unmut auf uns zu lenken.

Was können wir also tun?
Jeder von uns kennt alle diese 3 Punkte aus seinem eigenen Leben. Und jeder von uns kennt auch aus eigener Erfahrung den damit verbundenen Schmerz. Es gibt genügend Gefühle in uns, die uns darauf aufmerksam machen (wollen), dass dieser Blick auf uns und auf die Welt um uns herum nicht die Wahrheit sein kann. Dass er alles andere als förderlich für unser Wohlbefinden und schon gar kein Garant für ein glückliches Leben ist. Ganz im Gegenteil. Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Trauer und Resignation erzählen uns die Wahrheit über unser Wohlbefinden, wenn wir mit diesen Ideen arbeiten. Da unser Blick dabei aber immer noch weitestgehend nach außen auf die Anderen und nicht auf uns selbst gerichtet ist, entsteht daraus dann auch oft noch ein Gefühl der Ohnmacht. Die Idee von dem/den anderen oder der Situation „ausgeliefert zu sein“. Denn bei diesem kollektiv gelebten Konzept sind wir immer abhängig davon, dass die anderen sich ändern, anders verhalten, anders äußern oder sich unserer Meinung anschließen, damit es UNS besser geht. Keine gute Idee. Also was kann die Lösung aus diesem uns selbst verletzenden Kreislauf sein?

Die Lösung heißt Selbstermächtigung. Anzufangen den Blick immer mehr und mehr wieder nach innen statt nach außen zu richten. Denn nur dort können wir uns selbst wiederfinden, in all unserer Einzigartigkeit, Größe und Schönheit. All dem was wir in Wahrheit sind. Was wir vom allerersten Tag unseres Lebens an bereits schon immer waren. Ausgestattet mit all den wunderbaren, vielfältigen Talenten, unseren liebevollen „Macken“, unserer Kreativität, Abenteuerlust, dem Lebenshunger und der Lebensfreude. Bevor man angefangen hat uns beizubringen, uns den kollektiven Ideen unterzuordnen und uns einzureden, dass wir „nichts“ sind und erstmal zu etwas „gemacht“ werden müssen. Jenseits von Erwartungen und Vergleichen liegt es schon immer bereit, unser schönstes Selbstbild. Schöner als wir jemals geahnt haben und wartet darauf, dass wir es wiederfinden.

Die wundervolle Nachricht ist, da all das ja bereits von Anfang an in uns da ist, sind wir in Wahrheit nicht abhängig von anderen, um uns gut zu fühlen. Die Bestätigung von außen ist ohne Zweifel angenehm, aber nicht mehr notwendig, um zu wissen, dass wir wertvoll und schön sind. Wir müssen nicht mehr nach „Beweisen“ für unser „richtig sein“ im Außen suchen. Jeder einzelne von uns hat dieselbe Schule besucht und denn selben Schliff mitbekommen. Es variieren nur die jeweiligen Ideen unserer unterschiedlichen Gesellschaftsformen und -normen und die Erfahrungen derer, die uns den Schliff verpasst haben. Wenn uns das klar wird und wir wieder anfangen unseren Blick nach innen zu richten, wenn wir beginnen die ganzen erlernten Konzepte mit unserem ureigensten Kern abzugleichen und zu FÜHLEN, wie viel davon WIRKLICH UNSERE Wahrheit ist, sind wir nicht mehr abhängig. Wir sind frei all das zu sein und zu tun, was wir möchten. Wofür wir schon von Anfang an gedacht waren. Nämlich wir selbst, in all unseren bunten Facetten. In all unserer ganz persönlichen Regenbogenschönheit. Und zwar jeder einzelne von uns.

Der erste Schritt dazu ist, erstmal anzunehmen, was da ist. Die Situation, die Gefühle, die Reaktionen. Und mich selbst dabei in meinen Gefühlen ernst zu nehmen. Mich mit meinem Schmerz in den Arm zu nehmen. Um dann zu überprüfen, wo ich die Macht über mein Wohlbefinden gerade in die Hände von jemand anderem abgegeben habe. Wenn ich das erkannt habe und sie dann ganz bewusst wieder zu mir zurücknehme und den anderen in seiner eigenen Einzigartigkeit sein lassen kann, dann bin ich frei. Genau in diesem Augenblick.

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